Rainer Maria Rilke
Szene aus dem Marien-Leben
Max Reger
Paris: Kreuzungen. Lichtpunkte
Friedrich Rückert
Stadttheater Fürth (Foto: Anestis Aslanidis)
Kerstin Hlawa: Spatzen
Kerstin Hlawa: Katze
Am biblischen Instrument: Laurence Tercier

Poesie zwischen Himmel und Erde.
Geistliches im Weltlichen

53. Fürther Kirchenmusiktage vom 11. bis 27. November 2016

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Die 53. Fürther Kirchenmusiktage stehen unter dem Motto: „Poesie zwischen Himmel und Erde. Geistliches im Weltlichen“. Sprechende Musik und musikalische Sprache greifen ineinander – und überschreiten in künstlerischer Freiheit die Grenze zwischen „geistlich“ und „weltlich“.

Literarisches Gedenken (das 90. Todesjahr von Rainer Maria Rilke und das 150. Todesjahr von Friedrich Rückert) spielt im Festivalprogramm ebenso eine Rolle wie aktuelle Texte und Themen. Interkulturelle Dialoge verbinden sich mit kreativen Brückenschlägen zwischen Musik, Literatur und Bildender Kunst.

Ausgehend vom Festivalmotto gibt es mehrere thematische Schwerpunkte. Der erste davon – überschrieben mit: „Poesie der Kathedralen und Katakomben“ – startet beim Eröffnungskonzert (11.11.) in der Auferstehungskirche: Der renommierte Organist Eberhard Lauer (Mariendom Hamburg) entführt das Publikum in die Zeit des frühen Untergrund-Christentums – mit klingenden Marien-Portraits von J. S. Bach bis Olivier Messiaen. Dazwischen ist Eberhard Lauers Meisterschaft der Improvisation zu erleben: mit freien Fantasien über Gedichte aus dem Zyklus „Das Marien-Leben“ von Rainer Maria Rilke. Maria wird bei Rilke zur selbständigen literarischen Figur, zum Symbol von Hoffnung und Krisis zugleich. Rilkes Gedichte sind keine im Dienst der Kirche entstandenen Texte, sondern freie Poesie: „Geistliches im Weltlichen“.

Poesie und Musik im Spannungsfeld von Glanz und Not, Licht und Schatten, Kathedralen und Katakomben: diese Dramaturgie zieht sich als roter Faden durch weitere Konzerte des Festivals.

„Mit Flügeln unterwegs“ ist der Organist Andreas König in St. Heinrich (18.11.): mit Werken von Max Reger über Sigfrid Karg-Elert bis Petr Eben begibt er sich auf die Spuren von Himmelsboten ebenso wie von konkurrierenden Luftwesen aus Goethes Walpurgisnacht.

„Protestleute gegen den Tod“ formieren sich beim Chor- und Orgelkonzert in St. Paul (20.11.). Der Kammerchor Musica Viva und Kammerorchester Stein interpretieren das visionäre „Lux Aeterna“ von Morten Lauridsen, und Sirka Schwartz-Uppendieck spielt an der großen Walcker-Orgel eine Bühnenmusik der Bamberger Komponistin Dorothea Hofmann: „Der Ackermann aus Böhmen“ (uraufgeführt 2015 von Sirka Schwartz-Uppendieck in einer Produktion des Stadttheaters Fürth).

In der Kirche Zu Unserer Lieben Frau (25.11.) wird das Programm explizit politisch. Unter der Überschrift „Paris: Kreuzungen. Lichtpunkte“ kombiniert Dieter Neuhof den Orgelzyklus „La chemin de la croix“ („Der Kreuzweg“) von Marcel Dupré nicht mit klassischen Meditationstexten, sondern mit kritischen Glossen des Autors Michael Herrschel, der in einer zweisprachigen Performance mit seiner französischen Übersetzerin Anna Juliette Breitenbach zu hören ist.

Ein weiterer großer Programmschwerpunkt heißt: „Friedrich Rückert und der Orient“. Eröffnet wird er mit einem Vortrag von Georges Tamer im Gemeindehaus St. Michael (12.11.). Tamer, der an der Universität Erlangen Orientalistik unterrichtet – auf demselben Lehrstuhl wie einst Rückert – wird markante Züge des Orientbildes in der Dichtung von Friedrich Rückert unter Berücksichtigung des Islams darstellen. Dazu erklingen Rückert-Vertonungen von Schumann bis Mahler.

Ein mehrsprachiges Recital mit der Schauspielerin Michaela Domes und persischer Musik auf Originalinstrumenten findet dann in der Kirche St. Michael statt (15.11.). Gedichte von Hafis sind dabei im Original und auf deutsch zu hören – in Übersetzungen von Rückert und von Cyrus Atabay, der im 20. Jahrhundert ein Grenzgänger zwischen Orient und Okzident war.

Gustav Mahlers „Kindertotenlieder“ nach Rückert-Texten sind ebenfalls in der Kirche St. Michael zu erleben. Im Rahmen des Konzerts „Poesie – Psalm – Paraphrase“ (19.11. > Zur Kartenbestellung) werden sie mit Werken für Sologesang, Chor und Orchester kombiniert: von Brahms („Schicksalslied“ nach Hölderlin, „Alt-Rhapsodie“ nach Goethe) und Leonard Bernstein („Lamento“ aus der Sinfonie „Jeremiah“ und „Chichester Psalms“ in der sinfonischen Fassung). Dank und Klage: das sind die beiden Zentren, um die die Poesie der hebräischen Psalmen sich bewegt. Und diese Tradition findet ein vielfältiges Echo in der Poesie der Klassik ebenso wie in der Musik des 19. und 20. Jahrhunderts. Es musizieren und singen Mitglieder der Staatsphilharmonie Nürnberg, die junge Altistin Solgerd Isalv vom Opernstudio des Staatstheaters Nürnberg und die Fränkische Kantorei unter Leitung von Ingeborg Schilffarth.

Stilistische Vielfalt und kreative Vernetzungen zeigt das Festival im Programmschwerpunkt „Grenzgänge – Musik extra“, der die Grenzen zwischen U und E sprengt:

Im Nachtschwärmerfoyer des Fürther Stadttheaters (18.11. um 22 Uhr > Zur Kartenbestellung) präsentieren Sirka Schwartz-Uppendieck (Klavier) und Michael Herrschel (Conférence) ihr französisches Chansonprogramm „Glaube, Liebe, Sehnsucht“ mit Balladen, Herzensbeichten und unkonventionellen Gebeten von Georges Brassens bis Jacqueline Batell – also auch hier dezidiert „Geistliches im Weltlichen“.

Ein fröhliches Crossover-Recital lässt die Mauern von St. Paul erzittern (26.11. > Zur Kartenbestellung): „Toccata & Offbeat“ mit dem Organisten Thomas Greif und dem Schlagzeuger Daniel Piccon von der Global Shtetl Band.

Der traditionelle ökumenische Gottesdienst (13.11.) in St. Heinrich kehrt das Festivalmotto um und bietet unter Leitung von Andreas König „Weltliches im Geistlichen“: mit den ganz irdischen Jubelrufen der „Spatzenmesse“ von Mozart.

Und Vogelstimmen ganz anderer Art gibt es im ebenfalls traditionellen Kinderorgelkonzert (21.11.) zu erleben: Dieter Neuhof überträgt den Märchenklassiker „Peter und der Wolf“ vom Orchester auf die Orgel. Als besonderen Clou präsentiert er dazu bunte Tierbilder der Malerin und Kinderbuchautorin Kerstin Hlawa.

Märchenhaft ist auch der Themen-Akzent, den das festliche Abschlusskonzert am 1. Advent (27.11. > Zur Kartenbestellung) in der Auferstehungskirche setzt: „Harfenwald. Himmlische Saitenspiele“. Hinter diesem poetischen Titel verbirgt sich eine musikalische Winterwanderung für wache Ohren: In einem Kooperationsprojekt mit der Harfenklasse der Hochschule für Musik Würzburg treten nicht weniger als sechs junge Harfenistinnen und Harfenisten auf. Gemeinsam und im Wechsel mit der Pianistin Sirka Schwartz-Uppendieck präsentieren sie erlesene Raritäten romantischer und neuer Programmmusik. Aus dem faszinierenden Klang der insgesamt über 500 schwingenden Saiten entstehen Fantasiebilder: Schneeflockentanz, Quellenrieseln, knirschendes Eis unter den Füßen. Und diese Bilder verdichten sich am Schluss zu einem modernen Märchen: von einem, der in die Stadt seiner Kindheit reist und dort in ungeahnte Abenteuer gerät. Für subtile Spannung im Konzert wird auch die Fürther Aktionskünstlerin Petra Annemarie Schleifenheimer sorgen. Ihre Überraschungsaktion trägt den Titel: „Eisblumenblau“.